Einleitung: Natürlich ist nicht automatisch sanft
Ätherische Öle haben in der Naturkosmetik einen besonderen Ruf: Sie kommen aus Pflanzen, duften intensiv und gelten vielen als „der natürliche Wirkstoff schlechthin“. Genau deshalb taucht eine Frage immer wieder auf – gerade, wenn jemand ein bestimmtes Öl im Kopf hat, wie z. B. Weihrauch: „Kann man da nicht einfach ein paar Tropfen unter eure Produkte mischen?“
Ich verstehe diese Idee gut. Gleichzeitig ist meine Antwort meist zurückhaltend. Nicht, weil ich ätherische Öle grundsätzlich ablehne – im Gegenteil: Wir arbeiten in unserer Naturkosmetik ausschließlich mit naturreinen ätherischen Ölen, aber bewusst und sparsam. Und: In Gesichtsprodukten verzichten wir ganz darauf.
Warum? Weil ätherische Öle keine „harmlosen Pflanzendüfte“ sind, sondern hochkonzentrierte Stoffgemische, die auf der Haut – je nach Öl, Dosierung, Hautzustand und Häufigkeit – irritieren oder sensibilisieren können.
1) Was ätherische Öle in Kosmetik eigentlich sind
Ätherische Öle sind flüchtige Pflanzeninhaltsstoffe, gewonnen z. B. durch Wasserdampfdestillation oder Pressung (bei Zitrus). Sie bestehen nicht aus „einem“ Wirkstoff, sondern aus vielen Komponenten (z. B. Terpene, Alkohole, Ester). Das macht sie spannend – aber auch schwerer kalkulierbar, weil Zusammensetzung und Hautwirkung variieren können.
Wichtig ist: „Natürlich“ ist kein Synonym für „mild“. Auch natürliche bzw. naturreine Stoffe können stark sein – oder für manche Menschen problematisch.
2) Warum „ein paar Tropfen beimischen“ keine gute Formulierungsstrategie ist
In der Praxis scheitert der „einfach rein“-Gedanke an mehreren Punkten:
-
Dosierung: „Ein paar Tropfen“ ist keine Zahl. In Leave-on-Produkten zählt jeder Zehntelprozentpunkt.
-
Rohstoffqualität & Deklaration: Nicht jedes im Handel erhältliche Öl ist für Leave-on-Kosmetik sinnvoll. Herkunft, Frische, Lagerung und Datenlage sind entscheidend.
-
Stabilität & Oxidation: Viele äÖ (v. a. Zitrusöle) oxidieren schneller. Oxidationsprodukte können die Haut eher reizen.
-
Ziel & Nutzen: Nicht jeder Duftwunsch ist auch ein funktionaler Nutzen für die Hautpflege.
Unsere Herangehensweise ist deshalb: Wenn äÖ, dann gezielt, niedrig dosiert und nur in Produktkategorien, wo es sinnvoll ist.
3) Warum wir im Gesicht auf ätherische Öle verzichteN
Das Gesicht ist eine besondere Zone: dünnere Haut, mehr Umwelteinflüsse, häufigere Irritationen, häufig Barrierestörungen. Selbst Haut, die „normalerweise“ robust ist, kann im Gesicht plötzlich empfindlich reagieren.
Was uns wichtig ist: Gesichtspflege soll in erster Linie die Hautbarriere unterstützen – mit möglichst wenig zusätzlicher „Last“. Duftstoffe sind für die Barriere nicht notwendig. Und ätherische Öle sind – auch bei niedrigen Dosierungen – immer eine zusätzliche Variable.
Deshalb unser Prinzip:
-
Körperpflege: äÖ möglich, aber sparsam und bewusst
-
Gesichtspflege: konsequent ohne äÖ
Das ist keine Wertung gegenüber Menschen, die äÖ im Gesicht vertragen. Es ist eine Designentscheidung: Risiko reduzieren, Funktion priorisieren.
4) „Weihrauch“ als Beispiel: beliebt, aber nicht automatisch passend
Weihrauch ist ein gutes Beispiel dafür, wie schnell Erwartungen und Rohstoffrealität auseinanderlaufen können.
-
Es gibt verschiedene Boswellia-Arten – die Öle können unterschiedlich riechen und zusammengesetzt sein.
-
Ätherisches Weihrauchöl ist nicht identisch mit Weihrauchharz-Extrakten, aus denen man bestimmte Stoffe kennt. Das, was viele sich als „Wirkung“ vorstellen, ist nicht automatisch im äÖ in relevanter Weise vorhanden.
-
Auch Weihrauch ist ein ätherisches Öl und damit: potenziell reizend – abhängig von Hauttyp, Dosierung und Formulierung.
Meine Haltung dazu: Wenn der Wunsch nach Weihrauch „aus Prinzip“ kommt („weil es gut sein muss“), bremse ich. Wenn er aus einem klaren Kontext kommt (z. B. Duft in Körperöl, niedrig dosiert), kann man darüber sprechen – aber nicht pauschal und nicht im Gesicht.
5) Worauf Kund:innen achten sollten (Checkliste)
Wenn du ätherische Öle auf die Haut bringen willst, achte auf:
-
Leave-on oder Rinse-off? Leave-on ist immer anspruchsvoller.
-
Wie empfindlich ist deine Haut? (Rötungen, Barrierestress, Rosacea-Tendenz etc.)
-
Wie hoch ist die Dosierung? Weniger ist oft mehr.
-
Wie alt ist das Öl? Dunkel, kühl, dicht verschlossen gelagert?
-
Ist das Öl für kosmetische Leave-on-Anwendung geeignet? (Datenblatt/Anwendungshinweise des Lieferanten)
-
Patch-Test bei sensibler Haut oder neuen Produkten.
6) Benefit
Wenn du dich für duftfreie Gesichtspflege entscheidest, ist das kein „Verzicht“, sondern oft ein aktiver Schritt zu mehr Ruhe für die Haut.

Kommentar schreiben